Das Mahnmal auf dem Kirchhof
An die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege erinnerten in Roringen Namenstafeln, die in der Kirche aufgehängt waren, und die Inschrift an einer der beiden Glocken im Turm, jedoch kein sichtbares Zeichen im öffentlichen Raum. Es wird berichtet, dass im Jahre 1953 angesichts des bevorstehenden Volkstrauertages zum Gedenken der Kriegstoten ein Holzkreuz gezimmert und auf dem Kirchhof aufgestellt wurde. Bei der Erneuerung des Geläutes im Jahre 1966 wurde die große Stahlglocke aus dem Turm genommen und ebenfalls auf dem Kirchhof aufgestellt.

S
eit 1988 steht an der Stelle des Holzkreuzes ein großer Kalkstein. Er trägt die Inschrift:

Wir gedenken der Opfer
Der Weltkriege 1914-1918 und 1939-1945
Sie mahnen uns zum Frieden

Die Inschrift verfasste der damalige Gemeindepastor Hans-Hermann Schmidt. Die Einweihung des Denkmals erfolgte am Volkstrauertag des Jahres 1988, dem 13. November. Seither ziehen an jedem Volkstrauertag die Vereine und die Feuerwehr mit ihren Traditions-Fahnen feierlich in die Kirche ein. Nach dem Gottesdienst versammelt man sich vor dem Mahnmal. Die Pastorin Klement hält eine kurze Ansprache. Zum stillen Gedenken senken sich die Fahnen.

Die Gesteinsplatte des steinernen Denkmales ragt 1,7 m in die Höhe. Sie besitzt eine Breite von max. 2,0 m und ist im Mittel etwa 0,4 m dick. Der Stein sitzt auf einem Fundament und ist in voller Größe sichtbar. Sein Gewicht dürfte etwa 2,8 t betragen.

Woher kam der Stein? Die Gesteinsplatte wurde von Wilhelm Masuch, dem damaligen Roringer Ortsbürgermeister zwischen anderen Feldsteinen in der Hecke vor dem Flurstück Die Lieth am Westhang des Bratentales entdeckt. Er soll zuvor auf dem südlich anschließenden Feld , ziemlich in gleicher Höhenlage gelegen sein. Er wurde nach Roringen geschleppt und mit einem Kran der Firma Schindewolf/Rosdorf über die Kirchhofsmauer auf sein Fundament gehievt. An diesem Unternehmen waren außer den Mitarbeitern der Fa. Schindewolf auch Mitglieder der Gemeinde beteiligt, nämlich Wilhelm Ahlborn, Erika und Peter Großhennig, Volker Kirstan, Wilhelm und Willi Masuch, Alfred Rosenplänter und Gerti Weber.

Was ist das für ein Stein? Die Gesteinsplatte ist ein Kalkstein, der etwas dolomitisiert ist. Sie lag ursprünglich in der Gesteinsformation des Oberen Muschelkalks, dem Trochitenkalk. Diese trägt ihren Namen nach kleinen, runden Scheiben, den Trochiten, die einen Durchmesser bis zu 10 mm aufweisen. Die Fossilien sind teilweise aus dem Stein herausgewittert und deshalb auch gegenwärtig gut sichtbar. Urspünglich waren sie Teil langer Stengel von Meerestieren, den "Seelilien", die in tropischen Regionen beheimatet waren. Nach dem Absterben zerfielen sie und bildeten am Boden eines flachen Meeres einen wichtigen Bestandteil des Kalksandes, der im Laufe der Jahrmillionen zu einem festen Kalkstein verhärtete. Der Stein berichtet somit auch von der Natur-Geschichte der Region.
Die Formation desTrochitenkalks, die etwa 15 -16 m mächtig ist, erzeugt eine prägnante Schichtstufe im Gebiet um Nikolausberg und bei Roringen. Unterhalb des Feldbornberges, etwa dem Flurstück Die Lieth, ist der Ausbiss dieser Kalksteine an der Versteilung des Hanges und an dem verstärkten Bewuchs durch Wald und Hecken erkennbar. Der Schichtkamm des Menzelbergsim Osten des Ortes wird ebenfalls durch die Kalksteinformation, die etwas schräggestellt ist, hervorgerufen. Und die buschbestandene Steilstufe des Drakenbergs im Süden, die zwischen dem flachen, ackerbaulich genutzten Anstieg und der Hochfläche liegt, wird ebenfalls durch die massiven Kalksteine des Trochitenkalks gebildet. Früher wurden die Kalksteine in zahlreichen Steinbrüchen als Bausteine gewonnen. Es ist das Schichtpaket des Trochitenkalkes, das die abwechslungsreiche Gestalt der Landschaft um Roringen maßgeblich bestimmt.
Zwei Dinge sind bemerkenswert. Erstens: Die Gesteinsplatte wurde nicht dort gefunden, wo die Gesteinsformation zu Tage tritt, sondern in einiger Entfernung davon talab. Das bedeutet, dass die Platte durch Rutschen – etwa während der Eiszeiten - an oder in die Nähe die Fundstelle geraten ist oder dass Menschen sie dorthin transportiert haben. Zum Anderen: Die Kalksteinplatte ist ungewöhnlich groß. Es gibt keine Einzelsteine (Monolithe) aus Kalkstein in dieser Größe in Göttingen und seiner Umgebung. Steine dieser Größenklasse waren schon in früheren Zeiten geschätzte Objekte, denkt man an die Hünengräber oder die steinernen Landmarken, die Denkmale anderer Art sind. Diese Beobachtungen reizen zu weiteren Nachforschungen und Nachdenken.

Die Roringer Bürger haben eine außergewöhnliche und einzigartige Kalksteinplatte, einen "Feldstein, gewachsen in der Roringer Feldmark", wie es im Mitteilungsblatt der Kirchengemeinde (Kartoffelstein 16/1988, S. 6) heißt, zum Gedenken an ihre Toten und die Opfer der beiden Weltkriege und zur Mahnung für den Frieden gewählt. Der Stein ist ein würdiges Denkmal der Erinnerung.

Text: Hannelore Meyer & Dr. Siegfried Ritzkowski

trans.gif (49 Byte) Foto: S. Ritzkowski